Praktikum beim Radio

Aufgabe 2: Töne schneiden

Posted on: 1. Oktober 2008


Es ging zu wie beim Friseur in der Rush-Hour

„So jetzt aber schnell, gleich ist ‚um‘ und dann brauchen wir den Ton von den Milchbauern“, mahnt mich die Chefin als ich aus der Aufnahmekabine komme. Tatsächlich, es ist schon halb zehn und gleich werden die Nachrichten produziert. Also schnell ran an den Schnittcomputer. Wie in den meisten modernen Radioredaktionen wird mit Adobe Audition geschnitten – und zwar radikal: Von dem Fünf-Minuten-Interview mit dem Präsidenten des Bauernverbandes bleiben am Ende zwei bis drei Schnipsel mit wenigen Sekunden übrig. Ganz egal was er Wichtiges verkündet, diese Länge ist fest vorgegeben.

Zunächst schneide ich die ganzen ‚Ähs‘, die ‚Hms‘ und ‚Öhs‘ raus. Das bringt locker ein paar Sekunden. Dann kürze ich die Pausen, die der Bauernpräsident beim Sprechen gemacht hat. Schon redet er gleich viel schneller. Reicht aber immer noch nicht, der Ton ist zu lang. Jetzt fällt ein Nebensatz meiner virtuellen Schere zum Opfer, ist ja auch egal wieviel Liter Milch jedes Jahr produziert werden. Es geht zu wie beim Friseur in der Rush-Hour: Ich setze den letzten Satz nach vorne, weil der Bauernpräsident da mit bebender Stimme mehr Geld für die Bauern verlangt. Klingt gut, und beschweren wird er sich auch nicht. Jetzt schnell gespeichert und den Redakteuren Bescheid sagen. In zwei Minuten werden die Nachrichten aufgezeichnet, – mit dem Ton der Milchbauern.

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1 Response to "Aufgabe 2: Töne schneiden"

…und so schwingt sich der einfache Radiopraktikant zum Zensor auf und dreht den Milchbauern (und anderen unbescholtenen Bürgern) das Wort im Mund herum…
Aber im Ernst, es ist wirklich erschreckend, wie sehr die Form den Inhalt bestimmt, nicht nur beim Radio – verursacht durch Sendezeiten, Layout oder Papierformat. Auch das tötet den Journalismus.

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Drei Monate Praktikum in einer modernen Nachrichtenredaktion - das prägt. Hoffnungsvoll bin ich mein Praktikum bei einem großen Radiosender in Berlin gestartet. Was ich erlebe, das lest ihr hier... Viel Spaß! Euer Radiopraktikant

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