Praktikum beim Radio

Aufgabe 4: Töne aus der Glotze

Posted on: 21. Dezember 2008

Fernseher - Praktikant beim Radio

"Und immer schön das Morgenmagazin gucken, klar?" (Foto: hberends/sxc.hu)

In einem früheren Artikel hatte ich ja schon darauf hingewiesen, dass vor allem vier Aufgaben für den Radiopraktikanten besonders wichtig waren. Diesmal geht es in unserer Reihe also folglich um das Aufnehmen von Tönen aus dem Fernsehprogramm. Hierfür hängen im Großraumbüro der Redaktion extra vier Flachbildfernseher, auf denen ohne Unterbrechung vier Kanäle gleichzeitig laufen: Zumeist gucken wir ARD, ZDF, ntv und N24 parallel. An besonderen Tagen auch andere Sender. Heute ist so ein besonderer Tag, denn der (damals noch angehende) US-Präsident Barrack Obama soll eine Rede halten. Also gucken wir bei brütender Hitze – die Fenster sollen geschlossen bleiben, weil sonst angeblich Wespen reinkommen – die Obama-Rede auf CNN. „Besonders wichtig ist dass wir seine Stimme im Original haben“, erklärt mir die Chefin vom Dienst vorab, „ohne das Reingequatsche von den deutschen Sendern.“ Ich nicke und drücke gleichzeitig den Record-Button in unserer Audiosoftware. Diese ist über ein Mischpult mit den Fernsehern verbunden, mit einem Drehknopf wähle ich aus, welchen Kanal ich live und in voller Qualität auf die Festplatte der Redaktion aufnehme. Ein Kollege blättert derweil schon im Newsticker von Spiegel online – „Die übersetzen die Rede parallel, da kann ich nachher einige Versatzstücke für meine eigene Übersetzung rausnehmen“, erklärt er. Obama spricht über „responsibility“ und „change“. Ich lausche aufmerksam dem Sprach-Sing-Sang und notiere mir besonders prägnante Stellen. Diese schneide ich später zu kleinen MP2-Schnipseln (deren Qualität besser als das sonst übliche MP3-Format ist) von 10 bis 28 Sekunden Länge zusammen. Obama im Taschenformat zum Mitnehmen – und der angehende Präsident weiß natürlich genau, dass die Medien seine Prägnanz so schätzen! Er macht kurze Statements, die im auf dem Weg zur Arbeit im Autoradio gehört, den ganzen Morgen im Kopf hängen bleiben. Ganz unabhängig davon wieviel Inhalt in seiner Rede steckt, ins Radio schafft er es mit den kurzen Statements an diesem Tag in jedem Fall.

Das Fernsehen ist neben den Zeitungen und den Agenturmeldungen das wichtigste Medium in unserer Nachrichtenredaktion. Die Praktikanten-Frühschicht hat daher die Aufgabe, das Morgenmagazin von ARD/ZDF aufzuzeichnen. „Die haben meist einen Interviewgast aus Wirtschaft oder Politik“, verrät die Chefin vom Dienst. „Deren Statements können wir gut gebrauchen für die Vormittagsnachrichten.“ Gesagt, getan, aber besonders Spaß macht das nicht: Das Morgenmagazin ist ja eine furchtbar dröge Sendung voller überdrehter Moderatoren (die vermutlich schon um 3 Uhr nachts aufstehen müssen und sich dann mit Kaffee bis in den Vormittag durchpuschen) und halbgar recherchierter Themen. Die Moderatoren versprechen sich unglaublich häufig, aber das fällt den Zuschauern um diese Zeit vermutlich nicht auf. Der Radiopraktikant hört sich dagegen jeden halbwegs interessanten Abschnitt mindestens dreimal an und kann die verhaspelten Moderationen schon mitsprechen. Aber in einem Punkt hat die Chefin vom Dienst auf alle Fälle Recht: Das Beste am Morgenmagazin ist wirklich der Interviewgast. Und so wird auch hier kurze Zeit später geschnipselt und abgespeichert was die Satzbausteine hergeben. Kurze Zeit später laufen die Töne dann zur vollen Stunde in unseren Radionachrichten. Ein kurzer Hinweis alá „Bundes-XY-Minister sagte in der ARD, dass…“ reicht aus um die Aufzeichnung verwenden zu dürfen. Uns selbst um ein Interview bemüht haben wir uns nicht, dafür nehmen wir halt auch was kommt. Der schon erwähnte Copy-und-Paste-Journalismus lässt grüßen!

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Drei Monate Praktikum in einer modernen Nachrichtenredaktion - das prägt. Hoffnungsvoll bin ich mein Praktikum bei einem großen Radiosender in Berlin gestartet. Was ich erlebe, das lest ihr hier... Viel Spaß! Euer Radiopraktikant

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