Praktikum beim Radio

Eigentlich wollte ich ja versöhnlich in dieses Blog starten, aber der private Radiosender lässt mir keine Chance. Gleich am ersten Tag erklärt mir die Chefin vom Dienst, eine brünette Mitdreißigerin mit strahlendweißen Zähnen, wie die Recherche in der Redaktion aussieht. „Geht alles ganz einfach“, sagt sie und zählt auf:

1. Ab 7 Uhr früh unbedingt Morgenmagazin gucken, die Moderatoren dort sind zwar  richtiggrottig aber sie haben einen Studiogast und von dem kann man O-Töne aufnehmen und später in unserem Sender spielen.

2. Die neuen Zeitungen lesen und gucken was die so schreiben. Die Berliner Morgenpost wird mir warm ans Herz gelegt, vermutlich weil die Leser dort im gleichen Alter wie unsere Hörer sind.

3. Die abonnierten Nachrichtenagenturen. Aus Kostengründen hat die Redaktion den dpa-Ticker nicht bestellt. Macht aber nichts, erklärt die Chefin, wir schreiben den einfach von der Webseite der Morgenpost ab.

4. Die Internetseiten der Zeitungen. Denn die sind aktueller und man kommt an „neue“ Geschichten, die noch nicht in der Zeitung standen. Die kann man dann auch in den Radionachrichten bringen.

Verwundert hake ich nach, weil ich nicht glauben kann dass das die ganze Themenrecherche des Senders ist. Doch als ich in den nächsten Stunden die anderen Redakteure bei der Arbeit beobachte wird mir klar, dass alle hier so vorgehen.

Wozu die vier Schritte führen dürfte jedem klar sein: Es handelt sich bei den ab- und umgeschriebenen Meldungen unseres Privatsenders um astreinen Copy-und-Paste Journalismus. Ohne viel Aufwand werden Nachrichten kopiert – wird der Mist den andere schon dutzend ja hundertfach gedruckt und gesendet haben nochmal zusammengerührt und als klebriger Meldungsbrei in die Ohren der Hörer gekippt. Eigene Suche nach unverbrauchten Themen: Fehlanzeige!

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Der zweite Tag meines Radiopraktikums hat gerade begonnen, als sich folgende Szene abspielt. Eine erfahrene Redakteurin fragt mich was ich später mal werden will. Oh, antworte ich wahrheitsgetreu, ich würde gerne in den Journalismus gehen. Geschichten recherchieren, Beiträge einsprechen, eben alles was dazu gehört. Die Redakteurin lacht, es ist ein schmutziges Lachen. „Wo gibt es denn noch Journalismus? Ich kann dir versichern: Der Journalismus ist tot.“ Sie fragt in die Weite des Großraumbüros: „Gibt es hier noch richtigen Journalismus?“ Von allen Seiten schallt es nun zurück: „Ne, der ist tot. Habe ich hier jedenfalls noch nie gesehen.“

Vorsichtig weise ich auf einige Qualitätssender hin: Deutschlandradio, Deusche Welle, Inforadio. Da müsste es doch noch Journalismus geben. Die Redakteurin verstummt. „Vielleicht“, murmelt sie leise und es klingt ein bisschen traurig.

Es ist 2008, es ist Sommer und ich mache Praktikum in der Nachrichtenredaktion eines großen Berliner Radiosenders. Darum geht es kurz gefasst in diesem Blog: Die tägliche Arbeit in der Redaktion, das Leben als unbezahlter Praktikant und dazu ungefilterte Einblicke in die journalistische Arbeit im 21. Jahrhundert erwarten euch. Seid gespannt!

Was ist hier los?

Drei Monate Praktikum in einer modernen Nachrichtenredaktion - das prägt. Hoffnungsvoll bin ich mein Praktikum bei einem großen Radiosender in Berlin gestartet. Was ich erlebe, das lest ihr hier... Viel Spaß! Euer Radiopraktikant

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